Über die Themse nach London

Mit dem Boot über die Themse nach London

Eine der sicher spektakulärsten Ankünfte in Europa erwartet Yachtsportler, wenn man die City of London erreicht. Vor allem die Passage von der Themsemündung in die große Metropole ist sehr anspruchsvoll.

 

 

Robin Knox-Johnston, dem ersten nonstop Einhand-Weltumsegler überhaupt sei Dank: Vor allem durch seine Berühmtheit und seine Publikationen wurde der kleine Hafen von Queenborough auf Sheppey Island als die ideale Zwischenstation für den Törn von der Themsemündung nach London bekannt. Heute hängt am Hafen ein großes Plakat mit seinem Zitat: “Queenborough is my haven!”, womit der Betreiber stolz die Bedeutung des Pontons im Medway River zur Schau stellt. Denn ohne diese Zwischenstation wären die etwa 62 Seemeilen von der Tonne “Fisherman No. 1” bis vor die Einfahrt der St. Katharine Docks Marina in London wesentlich schwieriger zu gestalten. Queenborough liegt genau so, dass man mit einer Tide von dort bis nach London fahren kann. 

Wenn man dort ankommt, liegen bereits etwa 25 anspruchsvolle Seemeilen durch die breite Themsemündung hinter einem und man wird in der Regel froh sein, diese Passage hinter sich gebracht zu haben. Vor allem der hier sehr häufig auftretende Nebel macht vielen Crews zu schaffen. Aber auch die vielen möglichen Wege, der starke Tidenhub und der teilweise enorme Schiffsverkehr machen die Fahrt über die Themse zu einer Herausforderung. 

Anspruchsvolle Themsemündung - Von Ramsgate bis Queenborough

Shivering Sands Towers Shivering Sands Towers

Die wohl meisten Crews beginnen den ersten Abschnitt in der Ramsgate Marina, ein paar Meilen südlich der Themsemündung. Hier sollte man etwa 90 Minuten vor Niedrigwasser losmachen, um im richtigen Augenblick die Themse zu erwischen und von dem einlaufenden Wasser in den Fluss geschoben zu werden. Die sicherste Route ist die durch den Princess Channel, den man nördlich der Landspitze von Margate erreicht. Von Ramsgate geht es zunächst mit Kurs Nord zur Tonne E Margate (etwa 10 Seemeilen von Ramsgate entfernt) und von dort weiter mit Kurs 112° zur Kardinaltonne Princess Outer. Dort beginnt in westliche Richtung der Princess Channel, der an den imposanten, mitten im Wasser stehenden Gefechtstürmen aus dem zweiten Weltkrieg, den Shivering Sand Towers vorbeiführt. Dort wird der Knock John Channel erreicht, in dessen weiterem Verlauf schließlich die Isle of Sheppey an Backbord auszumachen ist. Vorsicht ist bei der Begegnung mit der Berufsschifffahrt geboten, die hier oftmals sehr zahlreich vorkommt. Gerade an den Übergängen der vielen Channels, also der Fahrrinnen innerhalb der Themsemündung, ist oft nicht auszumachen, welchen Weg ein Frachter im weiteren Verlauf der Begegnung nehmen wird. Sofern die Tiefe es zulässt, sollte daher außerhalb des betonnten Fahrwassers gefahren werden und vor allem beim Einbiegen und Queren der Fahrrinnen ausreichend Sicherheitsabstand gehalten und für Kurswechsel genügend Raum einkalkuliert werden. Im Zweifel bietet sich an, die Geschwindigkeit zu drosseln und gegebenenfalls zu warten, bis das Schiff vorbeigefahren ist oder dessen Kurs klar erkennbar ist. 

London VTS - Funkservice entlang der Themse

Queenborough Harbour Queenborough Harbour

Eine Besonderheit auf der gesamten Themse ist die gewünschte, vor der Thames Barrier sogar erforderliche Anmeldung über UKW beim London Vessel Traffic Service “London VTS”. Die Themse ist dabei in verschiedene Sektoren unterteilt, bei deren Verlassen oder Erreichen man sich bei London VTS an- bzw. abmeldet. Die einzelnen Sektoren finden sich im Reeds Almanach, der für diese Passage unentbehrlich ist.

Etwa 5 Seemeilen von den Shivering Sands entfernt gelangt man an der Tonne Medway die Medway Approach Area. Der River Medway ist ein Nebenarm der Themse, von dem nach einigen Meilen nach Süden der Fluss The Swale abbiegt, in dem sich schließlich der kleine Hafen von Queenborough befindet. In der Medway Ansteuerungszone erinnern die aus dem Wasser ragenden Reste eines historischen Wracks davon, dass dieses Revier sehr tückisch sein kann und man wirklich exakt navigieren muss. Eine Meile vor dem Erreichen des Hafens meldet man sich auf VHF 08 beim Hafenmeister (Rufname “Sheppey One”) an und bekommt dann einen Platz zugewiesen. Entweder an Mooringbojen oder am schwimmenden Ponton.

Über eine lange Brücke geht es in den Ort Queenborough, einem kleinen Hafenstädtchen mit typisch englischem Charme und dem teilweise erhaltenen Flair eines Seefahrerortes des 18 Jahrhunderts. 

Von Queenborough bis London

London Barrier London Barrier

Das Ablegen für den zweiten Abschnitt bis London erfolgt wieder etwa eine Stunde vor Niedrigwasser. Bis die Flut ordentlich schiebt, hat man die Themse dann bereits wieder erreicht. Man fährt zunächst wieder zurück auf dem Medway bis zur Tonne No. 5 von wo aus man zunächst in nördliche, dann westliche Richtung fährt und sich anschließend beim Erreichen des Hauptfahrwassers der Themse südlich der Backbordtonnen-Reihe Sea Reach unterhalb dem Fahrwasser eng an den Tonnen hält. Hier ist auch der Zeitpunkt erreicht, London VTS über seinen Kurs und sein Ziel zu informieren. Nach ein paar Meilen passiert man den Containerhafen auf der nördlichen Uferseite, an dem sich meistens sehr große Frachter aufhalten. Das ist auch der Grund, weshalb hier sozusagen “Linksverkehr” außerhalb des Fahrwassers für Sportboote angeraten ist. Nach der folgenden Biegung erreicht man die Tonne Lower Hope, an der man dann auf die andere Seite des Fahrwassers wechselt. 

Der Rest der Strecke folgt der mäandernden Themse und meldet sich in den jeweiligen Sektoren bei London VTS. Dieser Service macht auf der Themse sehr viel Sinn, denn dort wird ständig über Schiffsbewegungen und besondere Vorkommnisse berichtet, so daß sich der Skipper darauf einstellen kann, was ihn hinter der nächsten Biegung erwartet. 

Generell gilt es, hier streng rechts im Fahrwasser zu bleiben und die Kurven nicht zu schneiden, denn die zahlreichen Frachter, Tanker und Fähren tauchen oft ziemlich plötzlich auf. 

Fährt man die meiste Zeit durch eine eher ländliche Gegend, taucht London dann ziemlich plötzlich auf. Kurze Zeit später ist das imposante Thames Barrier auszumachen. Die Durchfahrt für den Schiffsverkehr ist durch Lichtzeichen gekennzeichnet. Eine Anmeldung über UKW bei London VTS ist dennoch unbedingt erforderlich.

Ankunft in London

Ankunft an der Tower Bridge Ankunft an der Tower Bridge

Das Erreichen des Zentrums kündigt sich an der Seilbahn über die Themse an, gefolgt von der mächtigen Veranstaltungshalle “The O2”. Danach ist man mitten in der City of London angekommen. Hier gilt es, gut Ausschau zu halten, weil es in diesem Abschnitt von Sportbooten, Schnellfähren und Ausflugsdampfern nur so wimmelt. Sogar riesige Kreuzfahrtschiffe laufen die City an.

Nach ein paar Biegungen erblickt man dann die Tower Bridge, die den Höhepunkt einer wirklich atemberaubenden Ankunft darstellt. Nur wenige Meter vor der Brücke findet sich auf der Steuerbordseite der Hafen St. Katharine Docks Marina, der sehr exponiert liegt und über einen überdurchschnittlichen Service und hochwertige Einrichtungen verfügt. Ein Platz muss unbedingt reserviert und die bevorstehende Ankunft telefonisch oder per UKW angekündigt werden. Nach der Schleuse zum Hafen liegt man mitten im Herzen von London und kann alle wichtigen Sehenswürdigkeiten zu Fuß oder mit dem ÖPNV erreichen.