Auch die Crew muss auf potenzielle Seenotfälle vorbereitet sein. © Pixabay
Was tun, wenn der Skipper plötzlich ausfällt? Ein realer Seenotfall zeigt, wie entscheidend einfache Handgriffe an Bord sind. Warum jede Crew die wichtigsten Abläufe kennen sollte und wie man sich vorbereitet.
Ein sonniger Nachmittag auf der Ems, plötzlich geht der Vater über Bord. An Bord bleiben seine beiden Töchter zurück. Kein erfahrener Mitsegler, kein zweiter Skipper. Trotzdem endet der Seenotfall glimpflich. Die Mädchen reagieren ruhig, starten den Motor der Yacht und setzen über UKW einen Notruf an Bremen Rescue ab. Wenig später kann der Mann gerettet werden.
Der Fall, über den Segelreporter.com berichtete, zeigt eindrucksvoll, worauf es auf Sportbooten im Ernstfall wirklich ankommt: Nicht perfekte Seemannschaft rettet Leben, sondern einfache, bekannte Abläufe. Denn auf vielen Familienbooten läuft der Bordalltag ähnlich ab: Eine Person macht fast alles. Sie steuert, navigiert, funkt, startet den Motor, bedient Plotter und Instrumente, setzt Segel und legt an. Solange alles funktioniert, fällt das kaum auf. Kritisch wird es erst dann, wenn genau diese Person plötzlich ausfällt.
Seenotfälle treffen oft unvorbereitet
Gerade auf kleineren Sportbooten kann ein Mensch schnell über Bord gehen. Eine Welle, ein Ausrutscher beim Segelbergen, ein Stolpern beim Anlegen oder eine unerwartete Bewegung des Bootes reichen aus. Besonders auf älteren oder kleineren Booten ohne hohe Reling oder moderne Sicherheitseinrichtungen kann ein solcher Unfall jederzeit passieren.
In diesen Momenten bleibt keine Zeit für lange Erklärungen. Dann zählt nur, ob die Menschen an Bord wenigstens die wichtigsten Handgriffe kennen. Niemand muss sofort zum perfekten Skipper werden. Aber jeder an Bord sollte wissen:
- wie ein Notruf abgesetzt wird,
- wie der Motor gestartet wird,
- wie man das Boot stoppt oder kontrolliert,
- wie ein Mann-über-Bord-Manöver funktioniert,
- wo Rettungswesten und Sicherheitsausrüstung liegen,
- wie Segel geborgen oder zumindest entschärft werden.
Panik entsteht vor allem durch Orientierungslosigkeit
Viele Probleme bei Mann-über-Bord-Situationen entstehen nicht durch schlechte Technik oder schwierige Wetterbedingungen, sondern durch fehlende Abläufe. Niemand weiß genau, was zu tun ist. Keiner fühlt sich verantwortlich. Die Person im Wasser wird aus den Augen verloren. Dazu kommen Stress und Panik.
Dabei helfen schon einfache Regeln enorm:
- Eine Person zeigt permanent auf die Person im Wasser und verliert sie nicht aus dem Blick.
- Eine andere startet den Motor oder setzt den Notruf ab.
- Wer funken kann, informiert sofort die Seenotretter.
Klare Rollen schaffen Struktur – und Struktur reduziert Panik.
Der Funknotruf kann Leben retten
Viele Crews verlassen sich darauf, dass „der Skipper schon funken wird“. Doch genau das kann im Notfall nicht mehr möglich sein. Deshalb sollten auch Familienmitglieder oder Mitsegler ohne Führerschein zumindest den Ablauf eines Notrufs kennen.
Ein einfacher UKW-Notruf folgt immer demselben Muster:
- MAYDAY oder PAN PAN,
- Name des Bootes,
- Position,
- Art des Notfalls,
- Anzahl der Personen an Bord.
Wichtig ist nicht perfekte Funkdisziplin, sondern überhaupt Hilfe zu rufen. Die Seenotretter führen die Crew im Zweifel weiter durch die Situation.
Motor starten und Boot kontrollieren
Auf vielen Segelbooten wird der Motor im Alltag selten benutzt. Für ungeübte Mitsegler wirken Schalter, Gashebel und Zündschlüssel deshalb oft komplizierter, als sie tatsächlich sind. Dabei reicht im Notfall meist schon Basiswissen:
- Wo befindet sich der Hauptschalter?
- Wie wird der Motor gestartet?
- Wie wird Vorwärts- oder Rückwärtsgang eingelegt?
- Wie stoppt man das Boot?
Gerade bei Mann-über-Bord-Manövern kann ein laufender Motor entscheidend sein, um schnell wieder zur Person im Wasser zu gelangen oder das Boot kontrollierbar zu halten.
Segel bergen muss nicht perfekt aussehen
Auch beim Segelhandling gilt: Im Notfall geht es nicht um sauberes Trimmen oder perfekte Hafenmanöver. Es reicht oft schon, zu wissen, wie man Druck aus den Segeln nimmt oder ein Segel herunterholt.
Wer noch nie ein Großsegel geborgen oder eine Fock eingerollt hat, wird unter Stress Schwierigkeiten bekommen. Deshalb hilft es enorm, solche Abläufe wenigstens einmal gemeinsam geübt zu haben.
Kinder können mehr, als viele glauben
Der Seenotfall auf der Ems zeigt auch etwas anderes: Kinder und Jugendliche können in Ausnahmesituationen erstaunlich besonnen handeln – wenn man sie vorbereitet.
Natürlich soll niemand Angst vor dem Wasser bekommen. Aber Kinder dürfen lernen, dass See und Wetter Respekt verlangen. Viele Kinder empfinden solche Übungen sogar als spannend und entwickeln dadurch mehr Sicherheit an Bord.
Schon einfache Übungen helfen:
- Rettungswesten anlegen,
- die MOB-Taste am Plotter zeigen,
- gemeinsam einen Notruf üben,
- erklären, wie Hilfe geholt wird,
- Mann-über-Bord-Manöver trainieren.
Je vertrauter Abläufe wirken, desto geringer ist die Hemmschwelle im Ernstfall.
Sicherheit beginnt lange vor dem Seenotfall
Viele Skipper erkennen erst nach solchen Unglücken, wie abhängig die Crew oft von einer einzigen Person ist. Dabei lässt sich das Risiko mit wenig Aufwand deutlich reduzieren.
Niemand an Bord muss alle nautischen Fähigkeiten perfekt beherrschen. Aber jeder sollte zumindest wissen, wie man Hilfe holt und das Boot in einer Notsituation kontrolliert. Denn Seenotfälle kündigen sich nicht an – und im entscheidenden Moment zählt nicht, wer normalerweise alles macht, sondern wer noch handlungsfähig ist.
Hinweis: Dieser Artikel ist im Rahmen einer Kooperation zwischen dem ADAC und Segelreporter erschienen. Tipp: ADAC Mitglieder erhalten 10 % Rabatt auf die Segelreporter-Jahresmitgliedschaft mit dem Code ADAC10.