Fällt der UKW‑Seefunk aus oder ist kein Funkgerät an Bord, bleibt im Seenotfall oft nur der Griff zum Smartphone. Dann zählt vor allem eines: Die richtigen Informationen schnell und klar zu übermitteln. Dieser Leitfaden zeigt, welche Angaben beim telefonischen Notruf unbedingt zuerst genannt werden müssen – und wie Skipper Ihre Position zuverlässig bestimmen können.
Ein Notruf auf See folgt einer klaren Hierarchie. An erster Stelle steht immer der UKW-Seefunk. Wer über eine funktionsfähige Anlage verfügt, setzt den Notruf nach den international standardisierten Verfahren ab – so, wie sie zum Beispiel in SRC, LRC oder UBI vermittelt werden. Der strukturierte Ablauf auf Kanal 16 mit eindeutigem „Mayday“ oder „Pan Pan“ sorgt dafür, dass alle Stationen im Revier mithören, die Position eindeutig übermittelt wird und Hilfe koordiniert eingeleitet werden kann.
Ein telefonischer Notruf ist daher die zweite Option – sinnvoll und legitim, wenn kein Funkgerät an Bord ist oder die UKW-Anlage ausfällt. Das kann etwa nach einem Wassereinbruch mit Stromverlust der Fall sein oder bei einem technischen Defekt. In solchen Situationen ist das Mobiltelefon oft die letzte funktionierende Kommunikationsmöglichkeit. Gerade dann entscheidet Struktur über Geschwindigkeit.
In einem auf Segelreporter erschienenen Artikel (Paywall) wird über einen Fall berichtet, der sich in der Adria abspielte: Eine Segelcrew geriet Nachts in Seenot, weil sich die Yacht vom Ankerplatz losgerissen hat. Bei dem anschließenden Telefonat mit einer Rettungsstelle konnten die Segler ihre Position nicht angeben. Das kann verschiedene Gründe haben, zeigt aber gleichzeitig, wie wichtig und lebensrettend eine gute Vorbereitung für den Fall der Fälle sein kann.
Telefonischer Notruf auf See: Erforderliche Angaben
Unabhängig vom Kommunikationsweg ist die wichtigste Information die exakte Position. Idealerweise werden geografische Koordinaten – Breite und Länge – direkt vom GPS, Kartenplotter oder einer Navigations-App abgelesen. Entscheidend ist, das verwendete Format mitzunennen. Manche Geräte zeigen Grad und Minuten, andere Dezimalgrad. Beides ist korrekt, solange klar ist, welches System übermittelt wird. Zahlen sollten ruhig und deutlich gesprochen werden, inklusive Nord oder Süd sowie Ost oder West. Im Zweifel lässt man sich die Koordinaten wiederholen, um Zahlendreher auszuschließen.
Positionsdaten auf dem Smartphone finden
Weil in vielen Fällen das Smartphone als schnellste Quelle dient, sollte man die Wege dorthin kennen. Auf dem iPhone liefert die Kompass-App nach dem Öffnen – bei aktivierter Standortfreigabe – direkt die Koordinaten im unteren Displaybereich. Alternativ lassen sich in der Karten-App durch längeres Tippen auf den eigenen Standort Positionsangaben einblenden. Unter Android funktioniert es meist über Google Maps: App öffnen, den blauen Standortpunkt antippen, Koordinaten erscheinen im Informationsbereich. Häufig werden sie im Format Dezimalgrad ausgegeben. Wichtig ist dabei: Für die reine GPS-Ortung benötigt das Smartphone keine mobile Datenverbindung. Das Satellitensignal reicht aus. Ohne Internet können jedoch Karten nicht nachgeladen werden, und die erste Positionsbestimmung kann etwas länger dauern. Aktivierte Standortdienste, ausreichender Akkustand und gegebenenfalls gespeicherte Offline-Karten erhöhen die Zuverlässigkeit.
Wenn keine Koordinaten verfügbar sind, helfen präzise Beschreibungen der Umgebung: Tonnen, Leuchtfeuer, markante Gebäude, Entfernung und Richtung zur Küste oder zu bekannten Punkten. Gerade in flachen oder strömungsreichen Revieren kann sich die Position schnell verändern. Wer treibt oder manövrierunfähig ist, sollte die Koordinaten nach Möglichkeit aktualisieren und auf eine erkennbare Drift hinweisen.
Beschreibung des Notfalls
Nach der Positionsangabe folgt die Beschreibung des Notfalls. Handelt es sich um Wassereinbruch, Feuer, Grundberührung, Kollision, Maschinenausfall, einen medizinischen Notfall oder eine Person über Bord? Je genauer die Lage geschildert wird, desto zielgerichteter können Rettungskräfte reagieren. Ebenso wichtig sind die Anzahl der Personen an Bord und deren Zustand. Gibt es Verletzte, trägt die Crew Rettungswesten, besteht akute Lebensgefahr?
Ergänzend gehören Angaben zum Boot dazu: Typ, Länge, Rumpf- und Segelfarbe, Bootsname sowie – falls vorhanden – MMSI oder Rufzeichen. Jede zusätzliche Information erleichtert die Identifikation und den Helfern zur Einschätzung der zur Situation vor Ort: Wind und Welle in grober Einschätzung, Manövrierfähigkeit, mögliche Drift und – wenn bekannt – Strömungsrichtung. Das ist nicht „nice to have“, sondern kann für die Suche entscheidend sein, weil sich die Position je nach Bedingungen in kurzer Zeit merklich verschiebt.
Vorbereitung auf den Ernstfall
Der pragmatische Teil beginnt daher vor dem Ablegen. Es reicht nicht, dass irgendwo im Smartphone Koordinaten stehen – man muss sie im Schlaf finden können. Ein kurzer Test im Hafen oder vor Anker, ein Blick in die Einstellungen, ein gespeicherter Offline-Kartenausschnitt und ein kleiner Notfallzettel mit den Stichpunkten bringen mehr als die beste App, die im Ernstfall niemand bedienen kann. Unter Stress gewinnt nicht die Technik, sondern die Routine.
Der entscheidende Punkt liegt jedoch vor dem Ablegen. Wer die Abläufe aus SRC, LRC oder UBI kennt und regelmäßig übt, hat im Ernstfall Routine. Wer zusätzlich weiß, wo am Smartphone die Koordinaten stehen und in welchem Format sie erscheinen, schafft ein wichtiges Backup. Technik allein rettet nicht – klare Kommunikation schon.
Telefonischer Notruf auf See: Alles Wichtige in der Übersicht
Welche Informationen beim Notruf per Telefon nicht fehlen dürfen:
1. Position – immer zuerst
- Exakte GPS-Koordinaten (Breite/Länge) durchgeben
- Format nennen: Grad/Minuten oder Dezimalgrad
- Zahlen langsam und deutlich sprechen
- Nord/Süd sowie Ost/West klar benennen
- Koordinaten ggf. aktualisieren (Drift!)
- Falls keine Koordinaten: Landmarken, Tonnen, Leuchtfeuer, Entfernung und Richtung zur Küste angeben
2. GPS-Position am Smartphone abrufen
iPhone:
- Kompass-App öffnen → Koordinaten stehen unten im Display
- Alternativ: In Karten-App lange auf Standort tippen
Android:
- Google Maps öffnen
- Auf blauen Standortpunkt tippen → Koordinaten erscheinen
Wichtig:
- Standortdienste aktivieren („genauer Standort“)
- Akku prüfen
- Für GPS ist keine Datenverbindung nötig
- Offline-Karten sinnvoll vorbereiten
3. Art des Notfalls klar benennen
- Wassereinbruch
- Feuer/Rauch
- Grundberührung
- Kollision
- Maschinenausfall
- Medizinischer Notfall
- Person über Bord
4. Personen an Bord
- Anzahl der Personen
- Verletzte?
- Rettungswesten getragen?
- Akute Lebensgefahr?
5. Angaben zum Boot
- Bootstyp (Segelyacht, Motoryacht, Schlauchboot)
- Länge
- Rumpf- und Segelfarbe
- Bootsname
- MMSI oder Rufzeichen
- Besondere Merkmale
6. Aktuelle Situation
- Manövrierfähig oder treibend?
- Wind- und Wellenlage (grobe Einschätzung)
- Drift-Richtung, wenn bekannt
Hinweis: Dieser Artikel ist im Rahmen einer Kooperation zwischen dem ADAC und Segelreporter erschienen. Tipp: ADAC Mitglieder erhalten 10 % Rabatt auf die Segelreporter-Jahresmitgliedschaft mit dem Code ADAC10.